Bilder und Stimmen
Visionäre Kunst zeigt uns Welten, die mit unserem Alltagsbewusstsein kaum zugänglich sind. Dazu gehört die Erfahrung des inneren Lichts in vielfältigen Formen – von Visionen, über entoptische Erscheinungen bis zur Leuchtstruktur. Bilder und Stimmen von visionären Künstlerinnen und Künstlern.
Robert Venosa
Der Maler Robert Venosa (1936-2011) war eine prägende Gestalt der modernen visionären Kunst. In seiner Heimatstadt New York und später in Wien erlernte er das Handwerk der Ölmalerei von Meistern des fantastischen Realismus, insbesondere von Mati Klarwein und Ernst Fuchs. Zudem war er Teil der psychedelischen Bewegung der 1960er Jahre. Experimente mit Meditation, Bewusstseinserweiterung und Halluzinogenen prägten sowohl seine Spiritualität als auch seine Kunst. Später wohnte Robert mehrere Jahre lang in Cadaqués, Spanien, wo er Zeit mit Salvador Dalí, HR Giger und weiteren Künstlerinnen und Künstlern des Surrealismus verbrachte. Gemeinsam mit der deutschen Malerin Martina Hoffmann bereiste er ab den 1980er Jahren die Welt und wirkte an diversen Kunstzentren, wo die beiden ausstellten und ihre Maltechniken lehrten. Unter anderem war das Paar in der
Chapel of Sacred Mirrors aktiv, die von ihren Freunden Allyson und Alex Grey aufgebaut wurde – zwei weiteren Persönlichkeiten der visionären Kunst (vgl.
News 2/23). Roberts künstlerisches Schaffen umfasst vorwiegend Ölgemälde, daneben aber auch Designarbeiten für Filme und CD-Covers, Skulpturen sowie Werke der frühen Computerkunst.
»The Fall of Lucifer« (1972, Öl auf Leinwand) (Quelle: 22.2.26).
Robert Venosas Kunst ist visionär, insofern sich der Künstler durch mehrere Visionen inspirieren liess. Nach eigener Aussage handelte es sich dabei um die Wahrnehmung intensiver Lichterscheinungen, die ihm als überirdische Wesen erschienen. So erklärte er einmal:
»Ein strahlendes, mit Juwelen besetztes, überwältigend schönes, engelhaft aussehendes Wesen blitzte vor meinem inneren Auge auf. Es erschütterte mich und drängte mich, eine Darstellung dieser erstaunlichen Vision zu versuchen. Gewiss übersteigt dies meine Fähigkeiten, damals wie heute, und seither jage ich dieser Vision nach.«
Um diese Visionen darzustellen, entwickelte Robert Venosa die europäische Mischtechnik weiter: In langen Entstehungszeiten trug er auf einen weissen Tempera-Untergrund mehrere Schichten von farbig-transparenten Öl-Lasuren auf. Das Licht, das durch diese Schichten gelangt und durch den weissen Untergrund reflektiert wird, erzeugt die irisierenden Übergänge und leuchtenden Tiefeneffekte, die für Roberts kristalline Wesen und Welten typisch sind.
Second Coming (1973, Öl auf Leinwand). (Quelle: 21.2.26).
Insbesondere die Serie Angels & Spirit Guides zeugt von Robert Venosas Versuch, diese Lichtvisionen zu erfassen, zu studieren und zu verstehen. Wir sehen engelhafte Wesen, die sich aus plastisch wirkenden Faden-, Blasen- und Kristallstrukturen zusammensetzen. Second Coming beispielsweise, das die Wiederkunft Christi zum Jüngsten Gericht thematisiert, zeigt eine leuchtende Gestalt, deren Körper an kunstgeschichtliche Darstellungen von Engeln mit mehreren Flügelpaaren erinnert – etwa die Seraphim und Cherubim. Doch anstelle eines Mischwesens aus Mensch und Tier sehen wir einen aus sich heraus leuchtenden, kristallinen Körper mit flügelähnlichen, als Lichtröhren erscheinenden Ausläufern sowie zahlreichen »Feldlinien«, die das ausstrahlende Licht und die Dynamik des Gebildes unterstreichen.
»Logos« (2001, Öl auf Leinwand). (Quelle: 22.2.26).
Auf anderen Gemälden lösen sich die Lichterscheinungen in konzentrischen Kreisen oder leuchtenden Blasen auf, so in Atomus Spiritus Christi und dessen Remake Logos. Das Feinstoffliche erscheint als eine Fülle geometrisch angeordneter farbiger Perlen, die sich zu konzentrischen Kreisen zusammenfügen, die wiederum das Gesicht Christi bilden. Geistwesen, so eine Interpretation des Bildes, haben eine atomistisch-geometrische Grundlage, die an die Leuchtstruktur erinnert. Während der atomisierte Logos noch über der Materie zu thronen scheint, setzen Werke wie Angelic Awakening oder Dos Angeles Geist und Materie in ein dynamisches Verhältnis: Hier scheinen engelsgleiche Wesen mit der Umgebung zu verschmelzen und sie gleichsam zu strukturieren.
Dos Angeles (1993, Öl auf Leinwand). (Quelle: 21.2.26).
Engel, so erklärte Robert Venosa in einem Interview, seien ihm nie als figürliche Mischwesen erschienen, sondern als dynamische, energetische Lichterscheinung. Dennoch zeigen die Bilder, dass der Künstler Formen und Bezeichnungen aus der Religionsgeschichte entlehnt und seinen fantastischen Realismus mit mythischer und spiritueller Symbolik aufgeladen hat. Wie andere Visionärinnen und Visionäre versuchte er, seine inneren Lichtwahrnehmungen vor dem Hintergrund seines kulturellen Wissens zu verstehen.
Sin Titulo (1986, Wasserfarbe auf Papier). (Quelle: 5.4.26).
Dass Robert Venosa seine innere, abstrakt-visionäre Welt mit der äusseren, kulturell-konkreten Welt verband, zeigt sich auch in anderen Serien. Eine Ausnahme ist die Serie »Reveries«, in der sich der Künstler ganz dem Abstrakten widmet: Hier erblicken wir teils leuchtende Strukturen und Netzwerke aus Linien und Blasen, die sich zu unspezifischen Formen bilden oder solche zieren. In Sin Titulo beispielsweise erstrecken sich leuchtende Punkte und Linien über einen amorphen Grund, der an Ansammlungen von Sand, Wasser, Wolken oder an Felsformationen erinnert. Dass sich die visuellen Formen einer klaren Zuordnung zu Bekanntem widersetzen, wird überdies durch den Titel unterstrichen: sin titulo ist Spanisch für »ohne Titel«.
Celestial Tree (1976, Öl auf Leinwand). (Quelle: 21.2.26).
Andere Serien hingegen verorten die abstrakten Strukturen offenkundig in Naturphänomenen. In »Mindscapes« beispielsweise lassen sie sich als mystische Landschaften oder ausserirdische Bauwerke erkennen. Noch deutlicher ist die Serie »Plants«, in der, so Robert, »anderweltliche Blumen und Blattwerk« die Visionen bevölkern. Durch ihre lebendigen und sich entwickelnden netzartigen Strukturen erscheinen sie als das ideale Bindeglied zwischen inneren entoptischen Visionen und Naturerscheinungen. In manchen Bildern wie Crystal Tree verschwimmt der Übergang zwischen dem Materiellen und dem Feinstofflichen. Manna’s Mana Tree und Celestial Tree wiederum zeigen Pflanzen, die ausschliesslich aus leuchtenden Röhren und Blasen bestehen. Gut möglich, dass sich Robert hier auch auf alte mythische Konzepte wie den Lebensbaum bezieht.
Enlightenment (1977, Öl auf Leinwand). (Quelle: 21.2.26).
Robert Venosas Wahrnehmungen innerer Lichterscheinungen legen nahe, dass er entoptische Muster gesehen und dargestellt hat. Die leuchtenden Linien- und Blasenmuster in seinem Werk ähneln jedenfalls der Leuchtstruktur des Bewusstseins, die Teil von Roberts Visionen gewesen sein könnte. Dafür spricht auch, dass die Leuchtkugeln und Leuchtfäden sowohl im seherischen Verständnis als auch in Roberts Werk als Schnittstelle der Verflechtung zwischen Innen und Aussen, zwischen Geist und Materie erscheinen: In ihren erstarrten und verdunkelten Formen strukturieren sie die materielle Welt. Als dominierende, leuchtende und Materie auflösende Muster hingegen lassen sie sich als Ausdruck intensiver Bewusstseinszustände verstehen. Solche Zustände gipfeln in Erfahrungen der »Erleuchtung«, die bei Robert denn auch fast vollständig abstrakt dargestellt werden. In den Bildern Enlightenment und Parasamgate – Sanskrit für »ganz hinübergegangen«, wohl eine Anspielung auf das buddhistische Herz-Sutra – füllen die leuchtenden Strukturen den gesamten Raum aus. Ihr erstarrter Aspekt, die Materie, scheint nicht mehr Teil dieser leuchtenden Realität zu sein.
Parasamgate« (1975, Öl auf Holzfaserplatte). (Quelle: 21.2.26).
Robert Venosa verstand sich nicht nur als Künstler, sondern als Medium, das sich den spirituellen Energien öffnet. Als Medium malte er nicht aus eigenen Vorstellungen und Ideen heraus, sondern realisierte, was bereits da war und von ihm auf der Leinwand materialisiert werden wollte. Malen war für ihn ein Dialog mit dem Geistigen, und somit eine meditative Übung und spirituelle Erfahrung zugleich. Diese Erfahrung wollte er mit den Betrachtenden teilen. Visionäre Kunst sollte, so fand Robert, Menschen inspirieren und für die Möglichkeit höherer Realitäten sensibilisieren oder gar in diese Realitäten eintauchen lassen. Wer über die Strukturen des Lichts und die Verflechtung von Geist und Materie in Roberts Werk reflektiert und meditiert, ist Teil dieser Vision.
- Venosa, Robert (1999): Illuminatus. Craftsman House
- Venosa, Robert (1991): Noospheres. Pomegranate
- Venosa, Robert (1978): Mana’s Manna. Big O Publishing