Andere Mandalas sind nicht aus Herbstlaub gelegt, sondern aus Punkten geformt und auf Steine gemalt. Am Anfang setzt Sabrina jeweils einen einzelnen, ersten Punkt, von dem aus das Mandala nach aussen hin wächst. Intuitiv lässt sich die Künstlerin von essentiellen Prinzipien leiten wie der Symmetrie, der Konzentrik sowie der Kontrastierung und Ergänzung. Wiederum bringen uns Sabrinas Punkte-Mandalas – wie die Herbstlaub-Mandalas – in Berührung mit der Natur und der Essenz. Denn auch die Phänomene der Natur zeichnen sich letztlich durch einfache geometrische Strukturen sowie durch Symmetrie, Konzentrik, Kontrastierung und Ergänzung aus – von
Atomen und
Zellen bis hin zu
Planeten und
Sternen. Es ist das formlose bzw. alle Formen beinhaltende Bewusstsein, sagt Sabrina, das solche konkreten Erscheinungen der Welt durch simple geometrische Strukturen und grundlegende Prinzipien erschafft. Punkte, Kreise, Linien und Vielecke verbinden somit das Formlose mit dem Bildhaften, das Kleine mit dem Grossen, aber auch das „äussere Sehen und Beobachten“ mit dem „inneren Sehen und Beobachten“. Die Gegenstände des inneren Sehens und Beobachtens sind für die Künstlerin subjektive Erscheinungen wie etwa abstrakte Lichterscheinungen oder figurative innere Bilder. Als eine Art Zwischenebene verbindet das innere Sehen die objektive, von allen Lebewesen geteilte Realität mit der rein subjektiven Erfahrung.
Die Grundformen von Sabrinas Mandalas – Punkte und konzentrische Kreise – sind als Ausdrucksformen der Essenz also nicht nur die Grundlage natürlicher Erscheinungen. Sondern sie sind auch tief im menschlichen Bewusstsein verankert. Dass „ideale“, d.h. nur im Bewusstsein enthaltene geometrische Strukturen die Gegenstände unserer Wahrnehmung prägen oder gar erst hervorbringen, ist bereits ein fundamentaler Gedanke von Platons Ideenlehre. Der Psychoanalytiker C.G. Jung wiederum hat Kreise sowie Mandalas als
Archetypen verstanden, also ursprüngliche Formen und Muster, die das kollektive Unbewusste bilden. Damit gehören sie zu dem Teil unseres Bewusstseins, das kulturgeschichtlich gewachsen und von allen Menschen geteilt wird. Entsprechend drücken sich Kreise und Mandalas seit jeher in Träumen, Visionen, Mythen und der intuitiven und visionären Kunst in unzähligen Variationen aus. Und Schamanen, Mystikerinnen, Meditierende und Yogis berichten immer wieder von leuchtenden Punkten und Kreisen sowie weiteren geometrischen Lichterscheinungen, die sie während intensiveren Bewusstseinszuständen sehen und als bedeutungsvoll erfahren. Für die Seherinnen und Seher der linken Seite der Emme beispielsweise bilden die leuchtenden konzentrischen Kugeln, die sie mit dem „inneren Sinn“ sehen, die Grundstruktur unseres Bewusstseins.